Erdbeben in Groß-Gerau und Kernschmelze in Biblis


Eigentlich sollte die folgende Kurzgeschichte gestern schon raus, leider hat mich die WordPress App veräppelt(wie berichtet). Dank iexplore also heute. Diese Geschichte stammt aus dem März 2011. Ich hatte sie spontan im Anschluss an das große Erdbeben in Japan verfasst. Die Bundesregierung hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht dazu entschlossen das AKW Bilbis still zu legen. Dass heute vor der Küste von Sumatra ein großes unterseeisches Erdbeben stattgefunden hat ist reiner Zufall und hat nichts mit der gleichzeitigen Veröffentlichung der nachfolgenden Geschichte (Reality+Fantasie) zu tun.

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Erdbeben in Groß-Gerau und Kernschmelze in Biblis

Flashback in Time


Was für eine Nacht! Clara war dreimal aufgewacht und gab keine Ruhe. Jetzt war es genug. Ich holte sie aus ihrem Kinderbettchen zu mir ins Bett. Endlich war sie wieder eingeschlafen und auch Wilhelm schnarchte neben mir friedlich vor sich hin. Der Blick auf den Wecker zeigte 25 Minuten nach 5 Uhr. Ich war gerade im Begriff ebenfalls in den Schlaf zu fallen, als ein zuerst unmerkliches Zittern zu einem Grummeln anschwoll, das Bett zu wackeln begann und ein heftiger Knall von zerpringendem Glas aus der Küche mich blitzschnell aus dem Bett springen lies. Es war wieder soweit! Ich packte, so schnell es eben ging, Clara und rannte barfuß durch das dunkle Zimmer in den Flur hinaus, riss die Haustüre auf und stürzte nun selber zitternd ins Freie. Die Erde bebte noch immer stark und die Bäume im Garten wackelten hin und her als ich eine Stimme Elenore rufen hörte. Es war Wilhelm, mein Ehemann, der nun in der Haustüre erschien und erleichtert wahrnahm, dass ich mich mit Clara in Sicherheit befand. Da lösten sich plötzlich zwei Ziegel vom Dach, doch bevor sie krachend vor der Haustür auf dem Boden zerschellten war Wilhelm auch schon bei Clara und mir und hielt schützend seine Arme um uns. Überall auf der Straße waren plötzlich Leute und trotz der Dunkelheit konnte ich die Angst aus ihren Gesichtern lesen.

Dies war also der 10. Februar 1872, doch nicht nur dieser Tag machte uns Angst, die Angst sollte noch bis Ende Mai anhalten. Im Morgengrauen kamen Leute von der Feuerwehr vorbei um nach dem Rechten zu sehen. In der Nachbarstraße brannte ein freistehendes Haus ab, denn durch den Einsturz des Schornsteins hatte sich Glut in der Küche verteilt und brennbares Material entzündet. Auch die Scheune vom Müllers Karl in der Bachgasse sei völlig eingestürzt, berichteten sie. Nach Sonnenaufgang wagte sich Wilhelm ins Haus zurück um nach Schäden zu sehen. Noch zweimal sollte an diesem Tag die Erde beben und deshalb beschlossen wir aus dem Schuppen unser Zelt zu holen und die nächste Nacht trotz der kalten Jahreszeit unter dem freien Sternenhimmel zu verbringen. Orion, Perseus und Kassopeia würden uns bestimmt nicht auch noch auf den Kopf fallen. Nachbarn berichteten am folgenden Tag, dass die Erdstöße im ganzen Ried von Mainz bis hinüber zur Bergstraße zu spüren waren. Den Gedanken vorübergehend nach Heppenheim zu Tante Adelheid zu ziehen verwarfen wir daher wieder und ergaben uns unserem Schicksal.

Ein Erdbeben in Groß-Gerau? Unmöglich glaubten die Menschen, über Jahrhunderte war die Erde im Oberrheintal ruhig geblieben, doch nun ist es einfach passiert! Mehrere hundert Erdstöße sollten in den kommenden drei Monaten die Erde und die Menschen nicht zur Ruhe kommen lassen…

Zeitsprung 2021

7. Dezember, der Tag nach Nikolaus. Peter, in allerbester Stimmung, schlürfte seinen Kaffee leer und machte sich auf den Weg. 

Zur Zeit läuft es aber richtig gut. Zum einen hatte Claudia ihm die vergangene Nacht wunderbar versüßt, zum anderen konnte er es gar nicht erwarten, seinen nagelneuen Tiguan Hybrid SLY in Bewegung zu setzen, den er sich dank seines Jobs als Ingenieur im AKW Biblis schon mit gerade mal 32 Jahren leisten konnte. Dabei hätte er eigentlich traurig sein sollen, denn sein Arbeitgeber hatte trotz eines Angebots der Bundesregierung es abgelehnt das alte Kraftwerk noch einmal zu sanieren, um es weiter betreiben zu können. Die Firmenbosse hatten in den vergangenen drei Jahren den endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, nicht zuletzt weil die Aktionäre sich eine größere Gewinnmarge dadurch versprachen und auf Jahre sichere Dividenden.

So war es also beschlossene Sache, übermorgen sollte das AKW heruntergefahren werden und die Atomstromproduktion in Biblis eingstellt werden. Nicht einmal der chronische Dauerregen der vergangenen 14 Tage war geblieben. Heute war strahlender Sonnenschein. Dennoch hatte Peter vor Fahrtantritt seine Gummistiefel eingepackt, weil der Rhein wegen Hochwasser über seine Ufer getreten war und man sich am AKW ganz schnell nasse Füsse holen konnte. Nun ja in 10-12 Minuten würde er das Werktor passieren und sich mit dem Studium der Reaktorabschaltpläne beschäftigen. Denn bei einem AKW drückt man ja nicht so einfach auf den Knopf und alles ist paletti, da muss schon noch eine ganze Weile gekühlt werden, bis die Brennstäbe Ruhe geben.

Am Horizont vor ihm tauchte die Silhouette von Biblis auf. Doch was war das? Er traut seinen Augen nicht. Ein schwarze Rauchsäule steigt auf, kam das vom Reaktorgebäude? Es wird doch nicht? Quatsch! Er schaltet den Internet-Newsticker auf das Display seines Autocockpits und toucht auf HR3. „…ist vor wenigen Minuten ein AirbusXXL beim Start vom Frankfurter Flughafen während des Steigflugs in südlicher Richtung abgestürzt und möglicherweise am Atomkraftwerk Biblis zerschellt.“ „…“

Peter zischt: „So eine Scheiße, jetzt fehlt nur noch ein Erdbeben….“, … als ihm ganz schwindelig vor Augen wird und er sogleich eine Vollbremsung hinlegt, die ihn hart auf den Seitenstreifen schiebt. „Gottseidank“, das Auto steht…. doch die Erde… die Erde… die Erde steht nicht still; sie …bebt. Die Angst steigt in Peter langsam auf. Jetzt ist es gewiss – ein Erdbeben, ein starkes Erdbeben hat Südhessen getroffen.

Ernesto O.

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