Zukunftsfäden (1)


Blicken wir zurück, sehen wir den roten Faden der Vergangenheit.
Schauen wir vorwärts, entdecken wir zwei, drei, vier, viele Fäden der Zukunft.

eine meiner Jungendsünden - Vierecke (ungefähr)

Tauchen wir zusammen 90 000 Jahre tief in die Vergangenheit ein. Damals im Rhone-Tal nahmen die Neandertaler ihr Schicksal in die Hand und spannen den ersten Faden der Menschheit. Damit änderten sie unsere Geschichte, die Zukunft Europas und der ganzen Erde. Mit so einem Faden lässt sich allerhand machen, dachte sich auch Ariadne, Königstochter auf Kreta, als sie Thesus ihren „Ariadnefaden“ gab. Nachdem er den Minotaurus im Labyrinth von Knossos getötet hatte, bot ihm der Faden Orientierung und so fand Theseus mit Hilfe des Fadens seinen Weg zurück in die Freiheit. Ob Ariadne´s Faden rot war? Wir wissen es nicht.

Unter einem „roten Faden“ versteht man eine Spur,
einen Weg oder auch eine Linie an der sich die Dinge ausrichten.
Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch etwas.

Zieht sich durch die Zukunft ein roter Faden? Wohl kaum. Die Zukunft ist unbestimmt. Oder?
Aber vielleicht ist sie ja gerade doch deterministisch und wir sind deshalb der Vorherbestimmung ausgeliefert. In den Religionen vor unserer Zeitrechnung stand der Faden kulturübergreifend für das Schicksal. Die Moiren in Griechenland und die Nornen des Nordens spannen das Schicksal, indem sie den Faden für jedes Leben ausmaßen und bei der vorherbestimmten Länge abschnitten. Aus diesem Schicksalsfaden wurde so das Leben jedes einzelnen Menschen gewebt. Meine Überzeugung ist hingegen, dass zwar jeder ein Opfer seiner Sozialisation ist(oder altgriechisch: seines Schicksals), aber wir ihr nicht alles opfern müssen. Natürlich ist die Zukunft eines jeden von uns bisweilen ein Nadelöhr durch das wir uns hindurchzwängen müssen, aber allermeist haben wir die Möglichkeit uns frei zu entscheiden, wobei der Preis dafür wiederum sehr hoch sein kann.

Es war Goethe, der den roten Faden populär machte.
In Wahlverwandtschaften wird in Ottiliens Tagebuch der Kennfaden der britischen Marine beschrieben: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“
Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden …

Während in China der rote Faden für eine schicksalshafte Verbindung zwischen Mann und Frau steht begegnet uns in der Bibel der „rote Faden“ als Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Erst- und dem Zweitgeborenen. Streckte ein Kind bei der Geburt die Hand heraus griff die Hebamme zu, band einen roten Faden um die Hand und sagte: „Er ist zuerst herausgekommen.“ Mit dieser Praxis wurde Schicksal gestiftet, denn der Erstgeborene hatte in der patriarchalischen Gesellschaft Privilegien, die den anderen Kindern versagt waren. Logisch betrachtet haben wir Menschen den roten Faden zum Faden des Schicksals erklärt und nicht umgekehrt. Dem roten Faden ist unser Schicksal egal. Es sind von Anfang an wir Menschen, die damit Schindluder treiben.

Ernesto O.

P.S. Es folgt eine kleine Serie von Plauder-Beiträgen, unter dem Titel „Zukunftsfäden“, die die Vergangenheit, Gegenwart und die möglichen „Zukünfte“ zwischen nicht ganz ernst gemeint und sehr ernst gemeint in Verbindung setzen. Stay tuned

2 Kommentare zu “Zukunftsfäden (1)

  1. Pingback: Zukunftsfäden (2) Yesterday | Raumzeitwellen Blog

  2. Pingback: Zukunftsfäden (3) Atombomben auf Grönland | Raumzeitwellen Blog

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