Das Mörderdorf MaNaGeRe

= MalNachGeRechnet =

Wir leben in seltsamen Zeiten. Seit Jahren werden in Deutschland pro Tag etwa 1 – 2 Morde begangen (2000 – 1,3 / 2018 – 1,05 das ist weniger als ein Mord auf 100 000 Einwohner pro Jahr – s. Wikipedia). Kaum aber geht es auf Wahlen zu, eskaliert das Gekreische darüber immens. Da hilft es auch wenig darauf hinzuweisen, dass die Zahl der Verkehrstoten pro Tag! auch heute noch fast 10 x so hoch ist (2000 20,5 – / 2018 – 8,9 pro Tag). Nun beginnen schon x-beliebige Leute auf Twitter damit Mörder-Rechnungen aufzumachen und uns die Angst in die Haarspitzen zu treiben. Doch es bleibt die Frage, stimmt das denn überhaupt? Wie groß ist die Gefahr eigentlich in diesem Jahr noch ermordet zu werden?

Einen besonderen Blick verdient das auf Twitter kursierende Beispiel:
Das Mörderdorf von @politikoutsider.

@politikoutsider sagt:
„Ein Beispiel: Ein Dorf hat..
10.000 Einwohner, davon sind 9.900 deutsche, 80 Menschen mit Migrationshintergrund und 20 Flüchtlinge.
Jetzt begehen 30 Deutsche einen Mord, 20 Menschen mit Migrationshintergrund und 12 Flüchtlinge.
Die Menschen mit Migrationshintergrund werden zudem den deutschen zugerechnet..

Also begehen 9.980 Menschen 50 Morde und 20 Menschen 12.
Mit den 20 Menschen hat man nicht so ein Problem, weil die deutschen ja viel mehr Morde begehen?
Sehen Sie, wie dümmlich Ihr Statement ist?“

Soweit @politikoutsider – Mal nach gerechnet:
Werfen wir einen Blick auf die Sachlage. Es gibt in Deutschland ca. 1500 Orte mit etwa
10 000 Einwohnern. Hier einige Ortschaften aus den verschiedenen Bundesländern:

Friedrichsthal/ Saarland
Wege /Nordrhein-Westfalen
Schalksmühle /Nordrhein-Westfalen
Grimmen / Mecklenburg-Vorpommern
Grevesmühlen / Mecklenburg-Vorpommern
Heiligenhafen / Schleswig-Holstein
Glückstadt / Schleswig-Holstein 
Samtgemeinde Ilmenau /Niedersachsen
Bischofswerda / Sachsen
Ottendorf-Okrilla / Sachsen
Klipphausen / Sachsen
Zwiesel / Bayern
Korb / Baden-Württemberg
Weingarten / Baden-Württemberg
Monsheim / Rheinland-Pfalz
Baumholder / Rheinland-Pfalz
Schlitz / Hessen
Steinau an der Straße / Hessen
Klötze / Sachsen-Anhalt
Osterburg(Altmark) / Sachsen-Anhalt

Möglicherweise kennen sie ja einen der Orte – an wieviele Morde dort erinnern sie sich?

Das @politikoutsider Mörder-Dorf:
10 000 Einwohner
9900 Deutsche = 30 Mörder
80 Menschen mit Migrationshintergrund (Deutsche) = 20 Mörder
20 Ausländer (Flüchtlinge) = 12 Mörder

ergibt nach @politoutsider:
9980 Deutsche = 50 Mörder
20 Flüchtlinge = 12 Mörder
_________________
Summe = 62 Mörder

Nun hat sich @politikoutsider dafür entschieden Menschen mit Migrationshintergrund zu den Deutschen zu zählen. Glück für mich, denn meine Mutter hat Wurzeln in Frankreich beim alten Erzfeind. Meine Urgroßmutter war Jüdin, Lukas Podolski hat Verbindungen nach Polen und Tamara um die Ecke hat eine türkische Mutter und einen deutschen Vater.
Warum @politikoutsider auf die Idee kommt, dass gerade 20 Migranten und 12 Flüchtlinge in dem Dorf zu Mördern werden, bleibt sein Geheimnis. Er möchte doch nicht etwa suggerieren, dass die Mehrheit der Mörder illegale Migranten (32) sind, während die braven Deutschen (30) nicht einmal mehr die Mehrheit der Mörder stellen.

Nun wie dem auch sei, rechnen wir mit seinen nackten Zahlen.

0,62% seiner Dorfbewohner wurden Mordopfer, aber nur
0,008% der Menschen in Deutschland wurden tatsächlich Mordopfer (von 2000-2108 ).
Das sind ca. 77 x weniger Morde in der Wirklichkeit, als im Mörderdorf von @politikoutsider!


...weiter mit der Mörderdorfrechnung

50/9980 begehen 50 Morde = 0,5% sind Mörder (nur jeder 200. Mörderdorf-Deutsche ist ein Mörder)
12/20 begehen 12 Morde = 60% sind Mörder (mehr als die Hälfte der Flüchtlinge – 6 v. 10 –
ein Mörder)

Selbst die Deutschen in @politikoutsiders-Mörderdorf begehen hier also 62,5x mehr Morde als in Deutschland (alle Täter inbegriffen) in den vergangenen Jahrzehnten üblich.

Besuchen wir 10 mal ein Mörderdorf-Flüchtlingsheim mit 20 Flüchtlingen nach dieser @politikoutsider-Rechnung, so werden wir 6 mal im Leichensack herausgetragen. Und wehe wir treffen statt 3 Migranten auf eine Gruppe von 4 Migranten, ja dann sind wir mit allergrößter Wahrscheinlichkeit tot.

Ich will ja nicht lachen bevor die Rechnung unseres Outsiders zu Ende ist, aber von den 62 Morden wird angeblich jeder 3. Mord von der verschwindend kleinen Anzahl der Flüchtlinge im Dorf begangen. Nur zum Vergleich: Um die Mordserie des deutschen Krankenpflegers Niels Högel einzuholen (über 100 Morde zw. 1999 und 2005), müssten die 20 Flüchtlinge des Politoutsiders fast 10 Jahre lang kriminelle Schwerstarbeit leisten und jedes Jahr 10 -11 Dorfbewohner ermorden – was rein technisch nicht geht, da die Aufklärungsquote bei Mord über 95% liegt und Gitterstäbe im Gefängnis die nächsten Morde verhindern würden – , das macht sogar einen Edgar Wallace Krimi zum kleinen Licht. In meinem Heimatort und den drei Nachbarorten leben zusammen ca. 60 000 Einwohner. Weder 2018, noch 2019 gab hier einen Mord und das obwohl ich täglich Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund begegne.

Hier schreibe ich und kann nicht anders: LOL

Fazit:
1. Das @politikoutsider Mörderdorf ist ein völlig weltfremdes Beispiel. Nur die wenigsten Dörfer dieser Größenordnung haben überhaupt Flüchtlinge.

2. Die angenommenen Mordzahlen setzen einen handfesten Bürgerkrieg voraus – wo bitte gibt es einen Bürgerkrieg in Europa? Weder die IRA in England noch die ETA in Spanien hat je die Performance der Mörderdorf-Statistik erreicht und islamistische Attacken haben mit der Niederlage in Syrien schlagartig abgenommen.

3. Die Mär vom mordlüsternen Flüchtling ist vor allem eins – rassistische Hetze!

4. Welche Motive @politikoutsider zu seinen mathematischen Unsinn-Eskapaden antreiben, muss er selbst beantworten, Sarrazin lügt jedenfalls geschickter.

 

…und da wagt sich @politikoutsider zu sagen:  „Sehen Sie, wie dümmlich Ihr Statement ist?“

Ich sage das „doofe Mörderdorf“ findet sicher nicht den Weg in die deutschen Mathematikbücher, jedenfalls nicht vor der nächsten Machtergreifung.

 

LOL

 

Ernesto O.

 

 

Lesezeit am Mittwoch

Nichts würde deutscher an Deutschland, wenn die AfD die Kanzlerin stellte. Dass unsere Kinder wieder früher heiraten und sich kleine Idyllen aufbauen, wird daran nichts ändern. Als Seelenrefugium, verniedlicht mit einer feinen Portion schwedischem Bullerbü, wird das deutsche Idyll noch lange seinen Dienst tun. Aber es wird eben nur ein Gefühl innerhalb einer alles umfassenden world.com sein, mitnichten etwas, was eine eigene Identität beanspruchen kann.

Aus Jäger, Hirten, Kritiker
Richard David Precht
2018 Goldmann

Ernesto O.